Um jeden Parkplatz wird politisch gerungen, und nicht selten beschäftigt sich der Stadtrat mit der umstrittenen Frage, ob die Parkbucht an der Kreuzung vor der Fußgängerzone entfernt werden darf, um neue Fahrradständer aufzustellen. Wenn die Stadtpolitik Maßnahmen zur Mobilitätswende und zuungunsten des Autoverkehrs der Innenstadt beschließt, ist es oft der Einzelhandel, der um seine Erreichbarkeit bangt. Daran können sich hitzige lokalpolitische Debatten entzünden. Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) zeigt allerdings: Kausale Zusammenhänge zwischen Verkehrsberuhigung und wirtschaftlichen Einbußen der Händler sind nicht belegbar. Im Gegenteil: Die mit den Maßnahmen einhergehende höhere Aufenthaltsqualität in der City sorgt teils sogar für mehr Prosperität.
Verkehrsberuhigung und Handel: kein Widerspruch
Die Studie, die in der Reihe der „Policy Papers“ des Difu erscheint, kommt zu dem Schluss: „Verkehrsberuhigung und Einzelhandel sind kein Widerspruch.“ Dabei führt es ein Zitat der ehemaligen Verkehrsbeauftragten der Stadt New York, Janette Sadik-Khan, an: „Cars don’t shop, People do.“ Also: Nicht Autos kaufen ein, sondern Menschen. Es liegt auf der Hand: Dort, wo sich Menschen gerne aufhalten, sich sicher bewegen können und Freiraum für sich finden, sind die Voraussetzungen auch für den Einzelhandel gut.
Dennoch stellt die Untersuchung durchaus eine Korrelation von Verkehrsberuhigung und Umsatzentwicklung fest, die allerdings branchenbezogen variiert. „Verkehrsberuhigungsmaßnahmen wirken sich je nach Branche unterschiedlich stark auf die Umsatzentwicklung aus. Gastronomiebetriebe gewinnen tendenziell stärker als andere Unternehmen, weil zum Beispiel mehr Platz für Außengastronomie geschaffen werden kann und weil Straßen sicherer und ruhiger werden“, heißt es im Fazit der Studie. Alles in allem sei – auch aus Sicht der Gewerbetreibenden – für den Erfolg von Verkehrsberuhigungsmaßnahmen wichtig, dass sie in den lokalen Kontext passen und dass Erreichbarkeiten erhalten bleiben.
Umweltverbund kein Umsatzstörer
Um ausgewogene Mobilitätskonzepte voranzubringen, rät die Studie den Kommunen dazu, bei der Verkehrsplanung stets die Erreichbarkeiten im Blick zu halten. Das kann dadurch geschehen, dass Alternativen zum Pkw wie der ÖPNV stärker in den planerischen Fokus rücken. Dabei werde bisweilen „unterschätzt, wie viel Umsatz diejenigen generieren, die mit dem Umweltverbund anreisen“, stellt die Studie fest. „Zwar sind deren Umsätze pro Einkauf geringer als von denjenigen, die mit dem Auto einkaufen, jedoch lassen sich bei Ersteren sowohl mehr Gelegenheitseinkäufe als auch insgesamt mehr Besuche und damit in der Summe höhere Umsätze nachweisen.“
Zudem gelte es, in den Städten das Parkraummanagement zu optimieren. Hier schlummerten Potenziale: Gelänge es etwa, die Auslastung vorhandener, oft ungenutzter Parkkapazitäten zu erhöhen, dann falle auch die Reduktion von Parkplätzen weniger ins Gewicht. Dazu könnten etwa digitale Informations- und Leitsysteme wie Apps, Park-And-Ride-Lösungen oder eine steuernde Parkraumbewirtschaftung beitragen. Ebenso kann laut Studie die Strukturierung des urbanen Lieferverkehrs etwa durch Logistikzentren oder Ladezonen zur Effizienzsteigerung der städtischen Mobilität beitragen. Um Verkehrslösungen strategisch vorzubereiten und nach Implementierung zu evaluieren, brauche es außerdem eine belastbare Datenbasis, die die lokalen Verhältnisse adäquat abbilde, so die Difu-Studie.
Info
Das Difu-Policy-Paper „Verkehrsberuhigung und Einzelhandel: Dann wird’s laut“ ist auf der Difu-Seite hier kostenlos verfügbar.
Andreas Erb ist Redakteur im Public Sector des F.A.Z.-Fachverlags. Für die Plattform #stadtvonmorgen berichtet er über urbane Transformationsprozesse, die Stadtgesellschaft und die internationale Perspektive der Stadt. Seit 1998 ist der Kulturwissenschaftler als Journalist und Autor in verschiedenen Funktionen tätig, seit 2017 als Redakteur im F.A.Z.-Fachverlag.