Eine positive Bilanz des öffentlichen Nahverkehrs im Jahr 2024 zieht der Verband der Verkehrsunternehmen (VDV). Die Fahrgastzahlen seien um 300 Millionen auf 9,8 Milliarden gestiegen. Auch das Deutschlandticket sei trotz der Preiserhöhung von 49 Euro auf 58 Euro mit aktuell 13,5 Millionen Nutzern weiterhin attraktiv. Die Kündigungsquote habe im Januar bei lediglich 8,1 Prozent gelegen. Im Jahr 2024 lag sie bei sieben Prozent. Allerdings habe man das Branchenziel von 15 Millionen Deutschlandtickets verfehlt.
Einnahmeausfälle der Branche wachsen
Für die Verkehrsunternehmen hat diese Entwicklung auch Schattenseiten, sagt VDV-Präsident Ingo Wortmann: „Durch das preislich sehr attraktive Deutschlandticket kaufen die Kunden immer seltener andere Ticketangebote, sodass unsere Einnahmen in diesen Segmenten im Vergleich zum Vorjahr um 3,2 Milliarden Euro zurückgegangen sind.“ Hinzu kämen deutlich gestiegene Personalkosten. „Dies sowie die angespannte Haushaltslage in den Kommunen führt insgesamt dazu, dass sich die wirtschaftliche Lage des deutschen ÖPNV immer weiter zuspitzt“, erläutert Wortmann.
Zurückhaltung beim Jobticket
Im Hinblick auf die Zielverfehlung beim Deutschlandticket nennt Wortmann insbesondere die deutliche Zurückhaltung der Unternehmen beim Kauf der Jobticketvariante des Deutschlandtickets. „Das ist nachvollziehbar, denn der Fortbestand des Deutschlandtickets ab 2026 ist gänzlich unklar, weil es keine langfristige Finanzierungszusage des Bundes gibt“, bemängelt er. Tatsächlich wird in der aktuellen politischen Diskussion die weitere Finanzierung des Deutschlandtickets in Frage gestellt.
Staatliche Mittel reichen nicht
Dazu trägt auch bei, dass der Zuschussbedarf wächst. 2024 mussten Bund und Länder 3,4 Milliarden Euro zum Ausgleich der Einnahmeausfälle der Branche aufwenden. Dafür wurden über die zugesagten drei Milliarden Euro hinaus 400 Millionen aus Restmitteln verwendet. Für 2025 sind weitere 600 Millionen Restmittel vorhanden. „Im ersten vollständigen Jahr des Deutschlandtickets bestätigt sich das, was wir als Branche von Beginn an prognostiziert haben: Die von Bund und Ländern jährlich zur Verfügung gestellten drei Milliarden Euro werden dauerhaft nicht ausreichen, um den Verlust der Branche auszugleichen“, sagt Wortmann.
Gunther Schilling ist Verantwortlicher Redakteur Public Sector mit Schwerpunkt „#stadtvonmorgen“. Dort schreibt er insbesondere über die Themen Digitalisierung und kommunale Unternehmen. Der Diplom-Volkswirt ist seit 1990 als Redakteur in der F.A.Z.-Verlagsgruppe tätig. Das Team von „#stadtvonmorgen“ verstärkt Gunther Schilling seit Januar 2022. Zuvor war er Leitender Redakteur des Außenwirtschaftsmagazins „ExportManager“.