„Große Zäsur für Debatte über urbane Resilienz“

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Vor knapp einem Jahr stellte der Stadtforscher Detlef Kurth beim 14. Bundeskongress Nationale Stadtentwicklungspolitik das „Memorandum Urbane Resilienz – Wege zur robusten, adaptiven und zukunftsfähigen Stadt“ vor. Erarbeitet wurde es von einer Expertengruppe, herausgegeben vom Bundesbau- und -innenministerium. Im Lichte des Ukrainekriegs spricht Kurth nun von einer „großen Zäsur“, was die Debatte um urbane Resilienz betrifft. Grundsätzlich, das habe das Gutachten schon damals festgehalten, hätten die Kommunen einen Nachholbedarf hinsichtlich ihrer Risikovorsorge. Der Krieg gegen die Ukraine untermauere dies auf dramatische Weise und rücke außerdem militärische Belange in den Vordergrund.

Urbane Resilienz: Ukrainekrieg als „große Zäsur“

Detlef Kurth (Quelle: privat)
Detlef Kurth (Quelle: privat)

#stadtvonmorgen: Herr Prof. Kurth, die dramatische Situation in der Ukraine und die damit verbundenen Effekte auf deutsche Städte, was etwa die Aufnahme von Flüchtlingen betrifft, lassen die Frage nach der Fragilität urbaner Strukturen aufkommen. Allgemein gefragt: Wie sind die deutschen Städte denn aufgestellt, was die Resilienz ihrer Strukturen angeht?

Detlef Kurth: Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine seit dem 24. Februar 2022 bedeutet auch für die Debatte über urbane Resilienz eine große Zäsur. Bislang waren viele Kommunen eher schlecht aufgestellt, was ihre Risikovorsorge betrifft. In unserem Memorandum Urbane Resilienz zeigen wir auf, dass viele Kommunen strukturell unterfinanziert sind und kaum Ressourcen vorhalten, um beispielsweise auf Naturkatastrophen wie zuletzt im Ahrtal oder unvorhergesehene Migrationsbewegungen regieren zu können. Um es bildlich zu sagen: Am Ende muss immer die Turnhalle provisorisch hergerichtet werden. Daher fordert das Memorandum neben einer besseren Ausstattung ein stärkeres Bewusstsein für Krisen, Risiken und die entsprechende Vorsorge. Die Coronakrise und die Naturkatastrophe im Ahrtal haben zwar die Sensibilität dafür erhöht, doch im Grunde gilt der Befund noch immer.

#stadtvonmorgen: Und nun im Kontext des Ukrainekriegs, also nach dem 24. Februar?

Detlef Kurth: Dieser Krieg offenbart, dass die militärische Gefahr, die von Russland ausgeht, in Deutschland allgemein unterschätzt wurde. Dies gilt auch für die Stadtforschung und unser Memorandum, in dem ein solches Szenario nicht adäquat gewichtet wurde. Das korrespondiert damit, dass viele Elemente der Risikovorsorge bezüglich eines Kriegs nach dem Fall des Eisernen Vorhangs seit 1990 in Deutschland ab- oder zurückgebaut wurden. In dieser Hinsicht war man auch naiv. Die russische Aggression, die sich ja nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen die Freiheit und Demokratie in Europa richtet, sorgt nun für einen neuen Erkenntnisprozess – für alle in Deutschland, nicht zuletzt für die Kommunen und für die Stadtforschung.

Backups und Handlungsbedarf auf der digitalen Ebene

#stadtvonmorgen: Wenn Sie auf die kritische Infrastruktur schauen: Wo liegen Knackpunkte, worauf sollten Kommunen und ihre Stadtwerke achten?

Detlef Kurth: Im Grunde geht es bei der Infrastrukturvorsorge um Redundanzen, Dezentralisierung und parallele Strukturen, kurz: Backups. Dies gilt für die Wasserversorgung genauso wie für die Strom- und die Energieversorgung. Die Systeme müssen so ausgestaltet sein, dass der Ausfall einzelner Schalt- und Netzstellen nicht zu einem Ausfall des Gesamtsystems führt. Dazu gehört zum einen die materielle Ebene, zum Beispiel der Schutz neuralgischer Punkte etwa vor Naturkatastrophen. Zum anderen spielt die digitale Ebene eine immer wichtigere Rolle. Es geht darum, sich gegen Cyberattacken zu wappnen, sodass die Grundversorgung nicht bedroht wird. Hier besteht großer Handlungsbedarf.

#stadtvonmorgen: Hinsichtlich der Daseinsvorsorge und der Energieversorgung in Deutschland: Wozu mahnt der Ukrainekonflikt?

Detlef Kurth: Wir brauchen unbedingt eine stärkere Verknüpfung der Klimaziele und der Energiewende mit Sicherheitserwägungen. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien und die Klimaneutralität in der Energieversorgung müssen schnell und konsequent erreicht werden. Das ist umso mehr erforderlich, um von Kohle, Öl und Gas aus Russland komplett unabhängig zu werden. Darin liegt durchaus eine große Chance: nämlich die Klimaneutralität mit Friedenssicherung zu verbinden. Schon viel zu lange hat sich die Bundesrepublik von fossilen Energieträgern aus Russland abhängig gemacht. Neben der Energieversorgung, die kommunale Unternehmen wie die Stadtwerke besonders betrifft, liegt im Handlungsradius einer Kommune aber auch die Steigerung der Energieeffizienz, was den Gebäudebestand betrifft. Zudem ist die Mobilität im Zusammenhang mit Klimaneutralität, CO2-Einsparung und der Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern eine große Stellschraube – hier ist in den letzten Jahrzehnten wenig passiert. Plötzlich ist die Beruhigung des Autoverkehrs in der Innenstadt nicht nur relevant für die Lebensqualität in den Zentren und den Klimaschutz, sondern auch für die nationale Versorgungs- und Sicherheitspolitik.

Urbane Transformation und Energiewende beschleunigen

#stadtvonmorgen: Viele Lösungen liegen dafür längst auf dem Tisch…

Detlef Kurth: … sie müssen nun konsequent angewendet werden – gerade, was den Verkehr in den Innenstädten betrifft, von der Elektromobilität bis hin zum Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs. Jede Kommune kann ihren Beitrag leisten, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren. Das beginnt schon mit vergleichsweise kleinen städtebaulichen Schritten hinsichtlich der Reduktion des Autoverkehrs gegenüber dem Umweltverbund. Und: Jeder einzelne Bürger kann seinen Beitrag dazu leisten – und zwar nicht wegen teurer Benzinpreise, sondern um des Friedens willen und für den Klimaschutz.

#stadtvonmorgen: Meinen Sie, dass sich die kriegerische Zerstörung, die wir derzeit in der Ukraine erleben, in Deutschland städtebaulich niederschlägt, was beispielsweise Schutzbauten angeht?

Detlef Kurth: Die deutschen Städte sind auf eine solche Bedrohungslage nicht oder nur spärlich vorbereitet. Seit dem Ende des Kalten Krieges wurden viele Bunker, Schutzräume und Reserven aufgegeben. Jetzt muss der zivile Katastrophenschutz neu gedacht werden, gleiches gilt für die militärische Infrastruktur. Die konkreten Effekte sind noch nicht umfänglich absehbar. Aber sicherlich werden sich daraus räumliche und städtebauliche Auswirkungen ergeben. Während in den vergangenen Jahren militärisch genutzte Areale in umfangreichen Konversionsprojekten umgewidmet wurden, werden Militärflächen vermutlich künftig auch bei der Flächennutzung wieder eine stärkere Rolle einnehmen.

Oft fehlen Reserveräume, Personal und Rücklagen

#stadtvonmorgen: Wenn Sie auf die sich anbahnenden Flüchtlingsströme aus der Ukraine blicken: Wie gut sind denn die deutschen Städte vorbereitet, um diese aufzunehmen?

Detlef Kurth: Nach meiner Wahrnehmung sind die Städte grundsätzlich gut aufgestellt. Das hängt mit der Zuwanderung von 2015 zusammen. Kontakte, Netzwerke, Unterkünfte und Kapazitäten von damals können nun wieder hochgefahren werden. Gleichwohl bleibt die Frage nach den Ressourcen. Denn nicht wenige Kommunen sind bereits bei der Bewältigung ihres Tagesgeschäfts „am Anschlag“. Nun kommt neben der Coronakrise noch eine zweite Ausnahmesituation, nämlich die Aufnahme zahlreicher Kriegsflüchtlinge, hinzu. Für viele ist dies ein großer Kraftakt. Vielerorts fehlen einfach Reserveräume, Personal und Rücklagen.

#stadtvonmorgen: Wie könnten Städte denn entsprechend vorsorgen?

Detlef Kurth: Insgesamt muss die urbane Resilienz verbessert werden, wie im Memorandum des Bundes formuliert. Dazu gehört, dass jede Stadt eine Resilienzstrategie erarbeitet, die mit einem integrierten Stadtentwicklungskonzept verwoben ist. Es geht darum, dass Städte eine Risikoabschätzung vornehmen und Vulnerabilitäten identifizieren, entsprechende Gebiete und Infrastrukturen gezielt schützen sowie gegebenenfalls dafür bauliche Maßnahmen umsetzen. Dabei sollten Aspekte der Stadtentwicklung, der Klimaanpassung, des Katastrophenschutzes und der Energieeffizienz miteinander verknüpft werden. Ergänzt werden diese Aspekte nun um den dramatischen Relevanzgewinn des Ziels, die kritische Infrastruktur besonders zu schützen. Ein solcher integrierter Blick, bezogen auf Risikovorsorge und Stadtentwicklung, fehlt in den meisten deutschen Städten. Es geht darum, präventiv vorbereitet zu sein.

Multifunktionsräume: Infrastrukturen stärker vernetzen

#stadtvonmorgen: Was bedeutet das konkret für die Stadtplanung?

Detlef Kurth: Ein konkretes Beispiel für die Verzahnung von Stadtentwicklung und einer Resilienzstrategie ist die Multifunktionalität städtischer Infrastruktur. Das klassische Beispiel ist die Schulturnhalle, die morgens für den Schulsport genutzt wird und nachmittags leersteht. Grundsätzlich lässt sich diese Ressource sinnvollerweise effizienter nutzen, beispielsweise nachmittags für den Freizeitsport, eventuell für Vereins- oder Kulturveranstaltungen. Hinzu kommt nun die Funktion des Raums als Reserve, etwa für die Flüchtlingsaufnahme. Und eventuell ist die Halle außerdem als Schutzraum in Katastrophenfällen nutzbar. So hat das Gebäude plötzlich nicht mehr nur eine Funktion, nämlich den Schulsport, sondern verschiedene. Dies verursacht letztlich sogar weniger Kosten, als wenn man für jede der genannten Funktionen ein eigenes Gebäude errichten würde. Doch oft fehlt es – nicht zuletzt aufgrund sektoraler Zuständigkeiten und Richtlinien innerhalb von Verwaltungen – an einem solchen Zusammenspiel.

#stadtvonmorgen: Was können Sie den deutschen Kommunen denn hinsichtlich urbaner Resilienz zugutehalten?

Detlef Kurth: Selbstverständlich sind die deutschen Kommunen im internationalen Vergleich relativ gut ausgestattet. Wir verfügen in Deutschland grundsätzlich über eine gute Infrastruktur. Allerdings ist sie extrem sektoralisiert, es gibt wenig Vernetzung, wenig multifunktionale Nutzung und – wie beschrieben – oft wenig Redundanzen. Darunter leidet die urbane Resilienz.

Info

Intensiv begleitet #stadtvonmorgen die Reaktionen der deutschen Städte auf den Ukrainekonflikt. Hier geht es zu den neuesten Entwicklungen aus kommunaler Perspektive.

a.erb@stadtvonmorgen.de

Andreas Erb ist Redakteur im Public Sector des F.A.Z.-Fachverlags. Für die Plattform #stadtvonmorgen berichtet er über urbane Transformationsprozesse, die Stadtgesellschaft und die internationale Perspektive der Stadt. Seit 1998 ist der Kulturwissenschaftler als Journalist und Autor in verschiedenen Funktionen tätig, seit 2017 als Redakteur im F.A.Z.-Fachverlag.